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Interview mit Wolfgang Büld


Zwischen ‚Manta, Manta’ und Ihren neuen Filmen scheinen Welten zu liegen.


Was Budget und Thema angeht schon. Meinen Filmen ist jedoch gemein, dass sie auf den so genannten guten Geschmack keine Rücksicht nehmen und unterhalten sollen. Man kann meinen Werken viel nachsagen, jedoch nicht, dass sie sensibel, einfühlsam oder beschaulich sind.

Nebenbei bringen sie immer wieder neue, außergewöhnliche Talente hervor. Ich habe Nena entdeckt, bevor sie den ersten Hit hatte. In ‚Manta, Manta’ stand Til Schweiger das erste Mal vor einer Filmkamera. Benno Fürman wurde erst durch ‚Und Tchüss’ populär. Und jetzt wird Fiona Horsey von der englischen Kritik gefeiert.

Ich durfte selber mehr Erfahrung mit männermordenden Frauen als mit besoffenen Deppen in aufgemotzten Autos sammeln. Daher ist es nur logisch, dass meine neuen Filme thematisch anders gelagert sind. Ich produziere sie selber und muss deswegen keine Kompromisse machen.


Wie sind Sie auf das Thema ‚Sex & Sühne’ gekommen, das sich durch PENETRATION ANGST, LOVESICK-SICK LOVE und TWISTED SISTERS zieht?


Das muss an meiner katholischen Erziehung liegen. Sex scheint heute kein Tabu mehr zu sein. In TV-Serien wie ‚Sex and the City’ und Dutzenden von Talkshows wird offen über jedes Detail geredet. In einem Werbebreak um Mitternacht sieht man mehr nackte Frauen, als in den ersten 50 Jahren Hollywoodkino und die Pornoindustrie brummt. Man schämt sich schon, wenn man nicht Mitglied in wenigstens einem Swingerclub ist.

Sex ist scheinbar ein ‚normaler’ Bestandteil des Alltags geworden. Dadurch hat seine Darstellung an Gefährlichkeit und Spannung verloren. Was mich interessiert ist die Angst vor Sex: In PENETRATION ANGST verschlingt die Hauptdarstellerin Männer beim Sex mit ihrer Vagina. In LOVESICK-SICK LOVE hat der Protagonist soviel Angst, dass er seine Partnerin vor dem ‚Liebesakt’ betäuben muss. TWISTED SISTERS handelt schließlich von einer psychopathischen Serienmörderin, deren Opfer noch Glück haben, wenn sie nur kastriert werden.

Meine Filme sollten eigentlich große Hits im Vatikan sein. Denn sie zeigen, was passiert, wenn das Gebot der Keuschheit gebrochen wird. Ich müsste der Lieblingsregisseur vom Papst sein. Meine Filme gehören neben dem Katechismus ins Regal jeder katholischen Familie.


Dafür dürften sie zu erotisch sein.


Das stimmt, ich gebe dem Sex den Thrill zurück. Sex kann mörderisch und gefährlich sein, hat aber auch durchaus seine angenehmen Seiten, was der/die eine oder andere vielleicht schon am eigenen Leib erfahren hat.
Das verschweigen meine Filme natürlich nicht.Die Gefahr und das Verbotene machen jedoch, zumindest im Film, den Reiz aus. Nichts ist langweiliger anzuschauen als glücklich kopulierende Menschen.
Seit Jahrtausenden ist Erotik ein Bestandteil der Kunst, doch der ‚normale’ Film vernachlässigt sie heute und hat das Feld kampflos banalen Hardcore-Produktionen überlassen.


Warum enthalten Ihre Filme keine ‚echten’ Sexszenen?


Ich verwende bei Schießereien auch keine scharfe Munition, um ‚echte’ Sterbeszenen zu haben. Meine Schauspieler haben ihren Beruf gelernt, sie können einen Orgasmus genauso gut spielen wie einen Messerstich in die Milz oder einen Lottogewinn. Sie würden sich weigern, ihre Intimsphäre zu verkaufen. Die Schwierig- und Peinlichkeit, dass ein Schauspieler am Set eine Erektion bekommen soll, möchte ich nicht miterleben. Ich finde sexuelle Andeutungen viel erotischer und die Spannung, die dadurch zwischen Schauspieler und Rolle besteht.

Außerdem ist nicht simulierter Sex nichts neues und provoziert schon lange nicht mehr, wie diverse Flops (‚9 Songs’, ‚The Brown Bunny’) zeigen.
Hardcore ist für mich noch vor dem Neuen Deutschen Film das langweiligste Genre. Die Storymöglichkeiten sind genauso beschränkt wie die visuelle Umsetzung der Rammelei und gynäkologische Großaufnahmen sind nicht gerade ästhetisch. Man kann Hardcore nicht mit einem Plot kombinieren, denn der Pornozuschauer ist es gewohnt, zweihändig zu gucken, eine Hand am schnellen Vorlauf, die andere Hand am Schwanz.


Wie kommt es, dass Sie diese Filme gerade jetzt machen?


Entsprechende Ideen hatte ich schon seit den 70er Jahren. Ich konnte jedoch nicht das notwendige Geld für deren Realisierung auftreiben. Heute bin ich darüber froh. Denn nichts ist schlimmer, als seine Karriere gleich mit einem Meisterwerk zu beginnen, an dem man sein Leben lang gemessen wird.
Meine Filme boten mir immer die Möglichkeit, mich mit dem nächsten steigern zu können. So konnte ich lernen, meine Vorstellungen mit geringstem finanziellen Aufwand möglichst effektiv umzusetzen. Selbst unsäglicher Schrott wie ‚Der Trip’ brachte mich weiter, denn dadurch fasste ich den Entschluss, selber zu produzieren. Durch die kostengünstige DV-Technik ist das heute möglich und ich habe die uneingeschränkte Kontrolle über meine Filme. Meine Karriere als unabhängiger Filmemacher begann im Alter von 50 Jahren mit PENETRATION ANGST und damit für mich auch ein neues Leben.



Wie entstehen Ihre Filme?


Ich habe ein eingespieltes Team von Mitarbeitern aus GB und Deutschland, von denen vor allem mein Kameramann Uwe Bohrer unersetzlich ist. Ich mache keinen Underground oder Experimentalfilm, deswegen sind wir besetzt wie eine normale Kommerzproduktion – mit dem Unterschied allerdings, dass unsere Crew aus nur 10 Profis besteht. Erhöhter Einsatz und Kreativität machen mehr als wett, dass wir mit Etats arbeiten, die bei einer normalen TV-Produktion noch nicht mal fürs Catering reichen würden. Wir arbeiten nach einem gründlich ausgearbeiteten Drehbuch, Improvisation gibt es nur für die Schauspieler, die Einfluss auf ihre Rolle und Dialoge nehmen können.


Die Hauptrolle in allen Ihren Filmen spielt Fiona Horsey.



Marlene Dietrich spielte ja auch in den besten sieben Tonfilmen von Josef von Sternberg die Hauptrolle (Immer noch ein Idol für mich – wenn man es meinen Filme auch nicht unbedingt ansieht). Fiona ist der größte Glücksgriff meiner Karriere. Sie ist nicht nur attraktiv und hoch begabt, sondern auch genauso katholisch erzogen wie ich. Eine Heilige, die eine Sünderin spielen kann, eine Nonne mit dem Talent, eine Hure zu verkörpern.



Wie sieht es mit der Vermarktung Ihrer Filme aus?



Da das Kommerzkino von Blockbustern mit Kopienzahlen um die 1000 beherrscht wird und die angestammten Programmkinos hauptsächlich den Markt für ernsthafte Studenten, Frauen über 40 und Studienräte bedienen, gibt es nur wenige Spielstätten, die für mich in Frage kommen. Deswegen bin ich dankbar, dass es dank des Enthusiasmus der Betreiber noch Kinos wie die Brotfabrik, das 3001, B-Movie, Komm- und Werkstattkino gibt, die Mut zu was anderem haben.

Der Hauptmarkt ist jedoch die DVD. Schon 1968 prognostizierte Edgar Reitz, dass man Filme in der Zukunft wie Schallplatten oder Bücher kauft. Das ist heute der Fall. Die DVD ist das Medium für unabhängige Produktionen, sie kostet nicht viel mehr als ein Kinobesuch inklusive Popcorn für zwei Personen. So kann sich jeder sein Programm selber machen. Meine Filme sind in Englisch gedreht und werden weltweit ausgewertet. Die technische Entwicklung geht weiter und bald wird man sich meine Filme überall auf dem Globus kostenpflichtig auf den Rechner laden können. Reich werden kann ich damit nicht, aber es reicht um weiter zu produzieren.




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